Text von Walter Titz , Zeitschrift „ move“

Das Unsichtbare sehen

„ Ich sehe was, was Du nicht siehst.“ Zweifellos eine magische Formel, nicht nur tauglich für unbeschwerte Kinderspiele. „ Ich sehe was, was Du nicht siehst “ zeitigt gerade im Kunstbereich erstaunliche Resultate. Verblüffend, was in ein und demselben Kunstwerk der Eine sieht und der Andere nicht. Faszinierend, welch unterschiedliche Dinge unterschiedliche Betrachter sehen. Und natürlich sehen Künstler ganz andere Dinge als Nichtkünstler. Das ist schließlich ihr Job.Der 29-jährige Grazer sieht etwa Lücken. Die Leere zwischen zwei Häusern sticht ihm ins Auge, fesselt seinen Blick, animiertzu künstlerischer Arbeit.

Blick. Geht Hafner durch Wien- wo er an der Angewandten bei Adolf Frohner studiert, sich aber gänzlich „ unfrohnerisch entwickelt hat,- „ sehe ich, was fehlt.“ Manchmal würden Häuser ganz schnell verschwinden, tatsächlich wie als Folge eines spektakulären Zaubertricks. Manchmal ziehe sich das Ende, finde ein langsamer Verfallsprozess statt. Mit der Kunst in Berührung kam Hafner, der vor seinem Universitätsstudium in Wien die Grazer Ortwein- Meisterschule für Malerei bei Gerhard Lojen absolvierte, schon nals Kind. Ist doch sein Großvater der rennomierte weststeirische Maler und Bildhauer Toni Hafner, heute 94. „ Ja “, sagt dessen Enkel, Besuche in Opas Atelier habe ich schon immer als sehr spannend empfunden.“ Wie hier Wirklichkeit in Kunst verwandelt wurde, hat ihn fasziniert.
Werke. Also ist Stephan Hafner ein Verwandler von Wirklichkeit in Kunst geworden. Seine Sommerpersonale in der Wiener Galerie Lang trug den Title „ Virtuelle Realitäten“ Und „ Virtuelle Realitäten“ ist neben „ Zeit-zeichen “ eine von zwei umfänglichen Serien, an denen der Künstler seit geraumer Zeit arbeitet. Beide Zyklen gehenvon der eingangs beschriebenen Magie des Abwesenden aus. Die „ Zeit-zeichen“, Acryl auf Leinwand-Arbeiten, spüren in gedeckten Farben Veränderungen im städtischen Raum nach. Gemäß Jonathan Swift`s Diktum „ Vision ist he art of seeing what is invisible to others” ergänzt der Maler urbane Leerstellen mit Ahnungen dessen, was sie einmal füllte. Es sind transpaente Fantome, die sich über Baugruben und Bauzäune stülpen. Keine Rekonstruktionen abgerissener Architekturen, keine Aufarbeitungenim Sinn recherchierter Stadtgeschichte: „ Ich möchte eine mögliche Vergangenheit zeigen, vielleicht auch eine mögliche Zukunft.“ Hafners „ Virtuelle Realitäten“greifen ins Objekthafte aus. Transparente Schutzhüllen von Videokassetten bieten Gebäuden Platz, die einerseits aus Karton und Papier dreidimensional ausgeführt sind, andererseits mit Filzstift. Mit wenigen schwarzen Linien ausgeführte Gebäude- Gespenster von erheblicher Melancholie verweisen auf gewesene, künftige Präsenz. Stephan Hafner ist kein Freund des künstlerischen Gags, der rasch formulierten Pointe.
Seine „ Zeit-zeichen“ entziehen sich kunstchronologischer Einordnungen, sie sind außerhalb gängiger Moder formuliert, aber nicht außerhalb von Traditionen. Realistische Tendenzen der ersten Hälfte der 20. Jahrhunderts haben ihre Spuren hinterlassen, auch solche des Jahrhunderts davor. „ Caspar David Friedrich gewidmet “ hat Hafner eine Arbeit überschrieben, die in poetisch-witziger Weise Motive der großen Romantikers verknüpft und in die Gegenwart transferiert. Ohne Angst, dem Betrachter neben intellektuellem auch Ästhetisches Erleben zu ermöglichen.
Stephan Hafner glaubt an das Potenzial eines Metiers, das schon so oft totgesagt wurde, dass es zwangsläufig unsterblich ist. Er erweitert die Grenzen „ klassischer Malerei ins Skulpturale, auch die Medien bewegter Bilder liegen nahe. Bei der 2. steirischen Künstlerklausur der styrianArt-foundation schuf er einen fast vier Meter langen „ Film“. Eine gemalte Sequenz, die eine Sonnenfinsternis über einer typischen Hafner- Stadt zeigt. Eine Bilderfolge von einer Stimmung, auf welche der Begriff „ Virtuelle Realität zutrifft, die gewiß nicht falsch mit der Bezeichnung „ Magischer Realismus“ umrissen werden kann. Stephan Hafner muß nicht sehen, was er malt. Zumindest nicht als äußerliche, handfest greifbare Wirklichkeit. Aber wie er sieht, was er nicht sieht, und das Gesehene auch für andere anschaulich macht, ist von großer Überzeugungskraft, Zauberei allemal.