Brigitte Borchardt-Bierbaumer

 

Brigitte Borchardt-Bierbaumer Stephan Hafner „ zurzeit“ und auch „ nachtländisch“

Das „ Nachtländische Reich, das Helmut Eisendle 1979 in die Literatur einführte, ist in der Malerei der Moderne mit der „ Stadtnacht “ verbunden.
Der Nachtgänger ist nicht nur der männliche Flaneur, der den weiblichen Stadtraum erobert,sondern der moderne Mensch in seiner Einsamkeit schlechthin. Er überprüft seine prekäre Stellung an einem gefährlichen Ort zu einer gefährdenden Zeit. Die Expressionisten in Europa und die amerikanischen Maler der neuen Sachlichkeit haben die damit verbundenen nervösen Gefühlsregungen in kontrastreiches Helldunkel getaucht.
Bei Edward Hopper versinken die Hoffnungen in billigen Bars und Hotels in teils grellem Neonlicht, das aber Farbigkeit ins Dunkel zaubert.
Davor haben schon die Romantiker die vielschichtige Dunkelheit untersucht, den erhabenen Schrecken, die Todesschatten und das Diabolische aus der Barockmalereiin eine eigene Kultur des Nächtlichen gewandelt, in der nicht nur das Vergängliche, sondern auch die Freiheit der Gedanken und die Fantasien nicht nur blaue Blüten bis heute treiben.
Von den ausgezeichneten Momentender klassischen Moderne im radikalen Schwarz noch immer fasziniert, hält auch die Nachmoderne an den Nachtmetaphernals Bildthemen fest.
Doch zeigen sich dabei der schwarze Humor, die Satire und die Anarchie von dieser dunklen Seite.
Stephan Hafner bedient sich all dieser Erfahrungsmomente und daneben stellt er Fragen zur Malerei an sich: er lässt sich auf eigenwillige Teilungen ein, er konstruiert Bild- im Bild-Situationen, so klärt sich ein ein mögliches Bild an der Wand eines Zimmers erst auf den zweiten Blick als banale Einsicht durch ein Fenster in eine hell erleuchtete Küche. Seine letzte Bildserien ergänzen die Themen Stadtraum mit Vedute, Interieur, Fabriken und Zügen um große, teils ramponierte Plakatwände mit abgerissenen Collagen in einem düsteren Niemandsland anonymer Peripherien. Schriftzeichen sind darauf nicht verständlich,die Bilder zerrissen, keine ehemalige Werbung hält noch, was sie einmal versprach. Doch diese Welt wirkt nicht wie eine nach der atomaren oder klimatischen Katastrophe, die Vergangenheit und Leere haben auch etwas Beruhigendes an sich oder weckt banale Erinnerungen an die Fernsehserie „ Bonanza“. Die menschenleere Staffage ist eine Bühne für den Betrachter, auf der die Schauspieler fehlen und die durch ihre Rätsel anlocken. Einer der Tricks ist das direkte Ansprechen über die Nachtseite des Daseins, denn Nacht und Bühne sind verwandt. Diese unbekannten Territorien sind auch privilegierte Orte: der Künstler und der Wissenschaftler haben gerade nachts ihre Imaginationen, das Ich wird entgrenzt, die Sinne sind wacher als am Tag.
In Hafners Zyklus „Virtuelle Realitäten “ zeigt sich eine verschneite Industrielandschaft in der Dunkelheit wie eine kalte Geisterstadt und doch gibt es links im Vordergrund ein in warmen Farben gestrichenes Haus mit einem hell erleuchteten Fenster- das macht den Mensch trotz Abwesenheit gegenwärtig. Ein Steg führt hin zur vielteiligen Scheibe, der Lichtblick in die Helle warmer Farben wirkt nicht nur tröstlich auf das Gemüt, sondern weist auch auf die Lichtmetapher als positives Grundakzent unserer und anderer Kulturen hin. Visionen, Wunder und selbst die Aufklärung verbinden sich mit dem Sieg des Lichts. Doch könnte es auch einfach nur eine Verdoppelung der eigenen malerischen Bestimmung andeuten: aus dem Schattenprofil eines Menschen soll die Malerei entstanden sein, die Schattenkunst der Bühnenmalerei führte zur Erfindung der Perspektive und dem Naturalismus. Hier wohnt ein Mensch, es könnte auch der Künstler oder der Betrachter sein, und das erleuchtete Atelier erzählt auch von der aktuellen künstlerischen Forschung, die in den Bildern mitschwingt.
In einem anderen Bild glänzt ein Klavierspieler durch Abwesenheit und macht sich dadurch interessant, die gespenstisch beleuchteten Szenen der Interieurs füllen die leeren Räume mit einer Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten, die Zeit ist eingefroren, die Langsamkeit- wie zum Trotz gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit- in die träge milchig-nebelige Atmosphäre eingekehrt, die Schlagschatten ersetzen Abwesenheiten und selbst wenn Figuren auftreten, sind ihre Gesichter anonym. Das spricht uns alle an. Diese träumerische, die Schichten des Unterbewussten der Archäologie aber auch der Psychologie ähnlichen Unterton, immer noch nahe der Freud`schen „Traumdeutung“ ist Apell an den heutigen Betrachter, weiter am fremden Ich zu arbeiten. Die Einbeziehung von Filmstrategien trennt die Bilder aber auch klar von der barocken Vanitas-Malerei, auch von Hopper und der „ Pittura metafisica “( Carra oder Sironi)
Diese Nächte sind auch nicht neuromantisch- sie arbeiten schon eher mit der optisch vermittelten Luft greifbarer Düsternis, also mit eigentlich unmalbaren ( weil zu tastenden) Dingen und unabdingbaren Wirklichkeiten, die durch die opak aufgetragene Farbeneben den Inhalten suggeriert wird. Die neuen Plakatwände und Modelle von Häusern, in Größe von Puppenstuben für Kinder, bringt zwar die Ruinenromantik verkleinert in ein „ Minimundus“ in Erinnerung, machen sich aber auch lustig über die Werbung an sich mit meist geschmacklosen Bildfindungen oder Objekten, die nur in der Demontage oder Decollage künstlerischen Wert erlangen. Dabei löscht die Düsternis also das üppige Wachstum von Mittelmäßigem. Die als zerfallen taugen nicht zu Vogelhäuschen und Eisenbahnspielen, sie sind einfach unbehaust, vom Element Feuer und anderen Zerstörungen angegriffen, und hinterlassen nur Fragen, Rätsel. Wieder muss sich der Betrachter seine Antwort selber geben, auch wenn Nacht und Düsternis mit ihren vielen verhüllten Anspielungen Unterstützung geben. An die Offenheit der Interpretation müssen wir uns erst gewöhnen, Hafner gibt uns aber auch viele Gegenstrategien zur Einsamkeit und Melancholie.