„Das weststeirische Malerrevier“

 

Aus Dem Bildband „ Das weststeirische Malerrevier“ von Karlheinz Schwarzmann

Der junge Stephan Hafner ( Jahrgang 1976) und Enkel des durch seine sakralen Kunstschöpfungen bekannten Toni Hafner), der 1997 bis 1999 die Meisterklasse für Malerei an der Ortweinschule- HTBLA Graz besuchte und anschließend sein Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien ( Meisterklasse Frohner) 2004 abschloss, setzt bereits mit seinem Ausdruck der Introvertiertheit getragenen Frühwerk einen eigenständigen Akzent im weststeirischen Kunstschaffen. Franz Dampfhofer hat das aufstrebende Talent und dessen Befassung- ähnlich seinen eigenen Intentionen- mit dem übergeordneten Sinn alltäglicher Dinge und der Wiedergabe von Seins-Beziehungen aufmerksam gemacht, die jenseits der üblichenkünstlerischen Ausdrucksmodi zu finden sind.
Hafners Bildschöpfungen vermitteln das Gefühl des modernen Mythos von Einsamkeit und Melancholie im Zeichen einer sinnentleerten Welt. Seine metaphysische Poetik erwächst aus den komplexen Verflechtungen persönlicher Befindlichkeit, den assoziativen wie den konkreten Momenten und den Rätseln dieser Welt. Im Selbstportrait Hafners, das im Rahmen der von einer jungen Studentengruppe ( Klasse Frohner) initiierten Auseinandersetzung mit dem existenziellen Thema „Fremd-Foreign“(das Fremde und das Eigene) entstand, tritt uns erstmals jene physiognomische Entindividualisierung entgegen, welche für den Künstler auch weiterhin Metapher für Isolation und Entfremdung des modernen Menschen wird und die eigentümliche Dissonanz zur Umwelt widerspiegelt ( Albert Camus` konstruktiver Pessimismus schimmert durch).

Bildbotschaften einer hintergründigen Realität
Hafner hat sich von Anfang an verstärkt den realistischen Strömungen verschrieben. Das forcierte Hell-Dunkel-Spiel bzw. die impressionistische Lichtnuancierungen mildern die Strenge (neu)-sachlicher Gehalte. Das Körperhafte wird zum Teil verflacht, die Kontur entschärft. Ab 2001 widmet er sich seinen „Innen-Ansichten“. Wir blicken blicken in eine eigenartig entrückte Welt mit den dunkel lagernden Schatten und dem kontrastierenden schräg einfallenden Licht. Flaschen, Gläser, Teller glänzen auf. Menschen scheinen als Abwesende gegenwärtig. Phantastisches verbindet sich mit Alltäglichem. Im Allgemeinen dominieren erdig gedeckte Farben, die ein milchiges Licht erzeugen, das wie ein Filter wird. Personen, fast gesichtslos und in ihrer Physiognomie nur durch ein Reflexlicht verdeutlicht, erscheinen als Schattenwesen, jeder Bestimmung enthoben. Sie sind wie eingebettet in den Raum mit seinen Alltagsgegenständen und dem Mobilliar, ja gemeinsam auf unerklärliche Weise mit den Dingen verbunden. Faktum und Fiktives heben einander auf. Die Zeit bleibt stehen. Der Mann im „ Zugabteil“ fährt an der Schnittlinie zwischen Alltagsrealität und Ungewissem.
Wie souverän Hafner bereits in der Lage ist, Begriffliches bildlich umzusetzen, zeigt auch das Gemälde mit dem schräg in den Raum stehenden Klavier. Auf dem geöffneten Flügel liegen Noten. Stühle sind umgedreht auf einen Tisch gestellt. Das Glanzlicht auf den Stuhlbeinen schimmert wie Kerzenschein aus dem Hintergrund-Dunkel. Das Konzert ist beendet. Aber im Raum schwebt noch immer eine feierliche Stille, jene innerlich empfundene Stille, in der sich erst ein Ton entfalten kann und in uns nachklingt.
Hafners Auseinandersetzung mit der Fremdhelt, der Introvertiertheit eines Individuums, jener inneren Vereinsamung vor allem in den Großstädten greift der dem American Scene Painting der 1920er-, 1930-er Jahre ( vgl. neusachliche Genremaler in Deutschland ), zugehörende New Yorker Maler Edward Hopper in seinen movie-artigen, von effektvollen Licht- Schattenschnitten beherrschten Gemälden beherrschten Gemälden formal ähnlich auf. Voyeuristische Blicke fallen in Wohnräume. Leere Sträßen, Plätze wirken fremd und unnahbar. Menschen hasten ins Büro. Abgestumpft vom Geschehen des Alltagsfüllen sie Bahnhöfe, Hotels, Bars. Illusionen schwindenin der Monotonie des Lebens.
2002 schuf Hafner für den von Renault ausgeschribenen „ Vel Satis Award “ drei gleichformatige Bilder und setzt sich mit dem vorgegebenen Thema „ Visionäre Mobilität auseinander. Wir blicken auf eine Straßenszen, in der Menschen entpersönlicht und ihres Gesichtes verlustig dem massenbewegten Kollektiv anverwandelt sind.
Bemerkenswerte, kompositorische Schritte setzt Hafner ein Jahr später mit den unter der Bezeichnung „ Momentaufnahme “ geschaffenen 14 Gemälde- seiner Diplomarbeit. Wieder sind es Lebensspiegelungen, Szenen des Alltags, Interieurs. Aber diesmal sind die Gegenstände ausschnitthaft, in flächenteilender, verschieden starker Pinselstrich- Rahmung aus immer wieder anderem Blickwinkel ( und in leicht formaler Veränderung) ins Bild gesetzt. Das Gesammte erfüllt sich im Detail. In der metaphysischen Korrespondenz der Dinge, aus ihrem Stückwerk erfahren wir den inneren Zusammenhang des Ganzen.
Hafners „ Bildschnitte“, seine „ malerischen Kameraschwenks“, das Fokussieren von Partiellem, sein perspektivisches Variieren reflektieren die Praktiken des Mediums Film. Die Symbiose beider Medien verlangt vom Publikum nunmehr geänderte Betrachtungsstrategien.
Durch die formale Konjugation erhalten Hafners simultane Momentaufnahmen assoziativ die verstärkte Brisanz eines zeitlichen Handlungsablaufes( siehe u.a. den über einen Fluss balancierenden Schienenstrang- Geher.
2006 zeigte Hafner in der Galerie Lang in Wien Bildkompositionen, deren formal in
„ neusachlicher “ Manieraufgegriffene Themen ( „ Virtuelle Realitäten“, „ Zeit-zeichen “ ) der Maler selbst kommentiert: Die Spuren, die von abgerissenen Häusern zurückbleiben, haben mich dazu angeregt, diese Häuser in meinen Arbeiten zu rekonstruieren. Die bilder und Objekte zeigen eine mögliche Vrgangenheit, manche von ihnen eine mögliche Zukunft.
Die kubischen Architekturformen vermitteln eine dualistische Stimmung magischer Realität. Sie sind gleichzeitig Phantasie ohne Phrase, Faktisches und Fiktion, Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn ( Robert Musil) bewirken in einer mystischen Symbiose den Spannungsgehalt der genannten Werke.